Erwartungen

Manchmal guckt man ja nicht ungestraft Nachrichten. Thema: Offshore-Windparks und ihre Nichtanbindung ans Stromnetz. Weil die Erzeugung schneller wächst als die Möglichkeiten der Stromverteilung, bleiben Windparkbetreiber auf ihrem Strom sitzen und erwirtschaften Minus. Jetzt hat der Bundestag mit den schwarz-gelben Stimmen eine Strompreisumlage beschlossen, die das wirtschaftliche Risiko der Windanlagenbetreiber auch auf die Kunden mittels einer Strompreiserhöhung abwälzt.

Bundeswirtschaftsminiminister Philipp Rösler schlägt beinahe vor Freude über das Ergebnis Purzelbäume. Wer Atomkraftwerke nicht will und dafür Ökostrom den Vortritt lässt, der soll schließlich auch an den Mehrkosten bei der Investition der Technik beteiligt werden, erbrach er sich sinngemäß in eine bereitstehende Kamera.

Mit etwas gutem Willen kann man an dem Gedanken durchaus etwas charmantes finden. Wenn viele etwas wollen, werden sie auch an den Kosten beteiligt. ABER: Sehr geehrter Herr Rösler, hoffentlich denken Sie auch daran, dass die Risikoträger später auch zu den Gewinnempfängern werden! Nur dann ist das aktuelle Gesetz fair und gerecht.

Vom Backsteinklinker zum Brett nature

Wer kann sich eigentlich noch an die guten alten Postämter erinnern? Meist backsteinverklinkert, auf jeden Fall ehrwürdig, respektfordernd. Sie waren Bollwerke der Logistik und der Dienstleistung: Briefe, Telegramme, Päckchen, Ferngespräche, Geldwechsel, Pakete, Lotto, Telefonanschlüsse, Postkarten, Briefmarken, alles bekam man dort, nachdem man sich andächtig in die Meditationsreihen eingeordnet und seine Zeit hat verstreichen lassen.

Damals hieß alles noch Deutsche Bundespost und war staatlich. Heute ist das anderes. Heute ist aber auch die Zeit, in der ich soweit bin, selbstständig Versandaufträge auszulösen und die Aktivitäten von Logistikdienstleistern auf mich zu fokussieren. Nun kommt es aber vor, dass ein solcher vor meiner Tür steht, ohne mich zu anzutreffen. Dann gab es der Varianten zwei: Das Versandstück war flach genug, um in den Briefkasten zu passen oder es war so dick, dass nur eine Benachrichtigungskarte am gleichen Orte hinterblieb. Dann begab man sich ins nächste Postamt oder die nächste Postagentur und nahm sein Versandstück entgegen.

Früher (vorm Krieg) ging man ins zwar Ehrfurcht erheischende,  aber nicht verklinkerte Hauptpostamt, reihte sich in die Reihe der wartenden und freute sich immer mehr. Vorfreude ist schließlich die reinste Freude. Später eilte ich in eine Postagentur in einem Supermarkt und danach in eine gleiche in einem Handyladen. Die aktuelle Krönung war dann aber eine absolute Spitzenleistung: Auf dem Abholschein sollte ich lt. Vordruck in einer Filiale abholen. Darunter war ein Stempel: Vorname, Name, Straße, Hausnummer, Postleitzahl, Ort – natürlich mit konkreten Angaben. Eine normale Privatanschrift. Ohne Öffnungszeiten.

Mitten in einer Fußgängerzone, zwischen zwei Reihen Eigenheimen gelegen, fand sich dann eine “Paketausgabestelle”. Ein selbstgedrucktes Schild verwies auf ein paar wenige offene Stunden am Tag, allein, die Tür war geschlossen. Ein Klingelknopf bot seine Hilfe an. Nach seiner Betätigung regte sich etwas im nebenstehenden Privathaus, die Haustür entließ eine Frau, Typ Deutsche-Bundespost-Beamten-Gattin, die mir nach ein wenig Amtshandlungen mein Paket übergab.

Früher war der Postversand mal eine hoheitliche Aufgabe (glaub ich), heute wird er in alten Bretterschuppen – an einem solchen befand sich besagter Klingelknopf neben ebenfalls benanntem Schild – abgewickelt. Ich zitiere mal aus dem Wikipedia-Artikel zum Unternehmen: “Das Unternehmen … ist Weltmarktführer bei Luft- und Seefracht und weltweit das umsatzstärkste Logistikunternehmen.” Und eine der Neubrandenburger Kundenschnittstellen befindet sich in einem Bretterschuppen.

Nachteil der Transparenz

Wo doch gerade gestern schon über die 20-Uhr-Tagesschau geschrieben wurde, setzen wir heute gleich mal nach. Hingucken ist manchmal angesagt, auch, wenn eine Sendung noch nicht wirklich begonnen hat. Das Ritual ist (fast) immer das selbe: 10 Sekunden vor 20 Uhr beginnt noch ein kurzer Werbespot, dann sieht man 3 Sekunden die Uhr und dann fängt die Sendung an.

Seitlich sieht man in der Situation den Moderator oder auch die Moderatorin. Konzentriert wird auf das Erleuchten des roten Lichtes auf der Sprecherkamera gewartet. Aber der Zuschauer sieht schon was. Noch während die Musik des Vorspannes läuft, strafft sich plötzlich der Körper und einen Wimpernschlag später wird die Lächelmaske aufgesetzt.

Ja, genau: die Lächelmaske. Das geschieht bei einigen beinahe mit einem Ruck, so dass das irgendwie unangenehm auffällt. An der Stelle sollte noch mal nachgearbeitet werden. Entweder sollten die Sprecherinnen und Sprecher schon lächeln, wenn diese Seitenkamera läuft oder die Kamera sollte was anderes zeigen als einen plötzlich ergrinsenden Fernsehmenschen.

Rudolf Keil entlassen?

Kennen Sie Rudolf Keil? Nein? Dann sind Sie vermutlich nicht gut informiert. Rudolf Keil war lange, sehr lange Zeit derjenige, der vor der Tagesschauuhr das letzte Wort hatte. Er empfahl ein Diätprodukt, dass ich spätestens schon deswegen nicht kaufe, weil ich es ob der penetranten permanenten Werbung vor der 20-Uhr-Tagesschau für überteuert halte. Die Werbung an diesem prominenten Platz war sicher nicht billig und muss ja auch wieder rein kommen.

Nun hat er aber nicht mehr das Schlusswort. Nachdem Anfang November noch für die mit dem Mittelchen angeblich erreichbare Bikinifigur – ich trage gar keinen Bikini, schon gar nicht im November – geworben wurde, ist jetzt augenscheinlich Schluss. Aber nicht, dass Sie denken, für das Mittel wird keine Werbung mehr gemacht! Mitnichten. Es wurde aber vom hellichten Strand auf dunkle Abendgarderobe umgestellt. Bei der Gelegenheit wurde dann Apotheken-Rudi gleich mit entsorgt.

Wir betrauern also Apotheker Rudolf Keil, der uns als Ergänzung zum überteuerten Mittelchen noch zu einem kostenlosen Diätplan überreden wollte. Aber auf der Webseite des aufgepeppten Eiweißpulvers findet man noch sein Abbild. Und einen interessanten Satz. Nach einem Hinweis auf die vielfach falsche Ernährung des Menschen heißt es da: “… Probleme bereitet auch die industrielle Verarbeitung unserer Lebensmittel, …” und die beheben wir mit einem industriellen und hochverarbeiteten Nahrungsersatzstoffprodukt.

Das ist eine Win-Win-Situation: Die Nahrungsmittelindustrie macht uns krank, die Pharmazieindustrie wieder gesund. Was wollen wir mehr?!

Vielfalt ist Programm

Wie viele frei empfangbare TV-Sender können wir zur Zeit empfangen? Auf meiner Fernbedienung liegt das letzte deutschsprachige Programm auf Platz 70. Da sind dann aber auch div. Shopping- und religiöse Sender sowie die ausländischen Programme mit dabei. Eine Umfrage hat mal ergeben, dass die Mehrheit der deutschen Fernsehzuschauer im Schnitt 13 verschiedene Programme guckt.

13 Programme. Welche mögen das sein? Schauen doch mal einen bewusst ausgewählten Zeitraum ins Fernsehprogramm. Die Nacht vom 06. auf den 07. November 2012:

  • Das Erste (ARD): 22:45 bis 05:30 Uhr: US-Wahl 2012 – Die Wahlparty im Ersten
  • ZDF: 23:50 bis 07:00 Uhr: US-Wahl 2012: Die Nacht der Entscheidung
  • RTL: 01:00 bis 06:00 Uhr: Amerika wählt (zusammen mit n-tv)
  • n-tv: 01:00 bis 06:00 Uhr: News Spezial: Amerika wählt (zusammen mit RTL)
  • N24: 01:00 bis 07:00 Uhr: US-Wahl 2012: Obama gegen Romney
  • ZDFinfo: 00:35 bis 05:43 Uhr: Der Amerikanische Bürgerkrieg
  • Phoenix (ARD/ZDF): 00:00 bis 09:00 Uhr: VOR ORT: LIVE Amerika wählt
  • ORF 2 Europe: 00:20 bis 07:00 Uhr: Die Entscheidung
  • BBC World News (engl.): 00:00 bis 07:00 Uhr: News Special: US Election 2012
  • CNN International: quasi rund um die Uhr: America’s Choice 2012: Election Night in America

Hinzu kommen im Parallelbetrieb zahlreiche Radiostationen: Die drei Deutschlandradios, NDR info, die anderen Infowellen im Gemeinschaftsprogramm usw.

Sicher: die USA sind ein wichtiges Land auf der Welt, der US-Präsident wird gern als mächtigster Mann der Welt bezeichnet. Aber trotzdem: Vielfalt in den Medien sieht anders aus.