Wo leben wir hier eigentlich?

Damit eine Gesellschaft vernünftig funktioniert, gibt sie sich Regeln, nach denen sie sich organisiert und mit denen das Miteinander der Gesellschaftsmitglieder in geordneten Bahnen verläuft. Und wenn sich alle dran halten, dann haben wir ein entspanntes, ruhiges und unter Umständen leicht langweiliges, aber sicheres Zusammenleben. Soweit die Theorie.

Heute sind die Gesellschaften meist in Staaten organisiert, die sich ein derartiges Regelwerk aus Gesetzen und Ordnungen geben. In Deutschland vereinigt sich viel im BGB (Bürgerliches Gesetzbuch), aber beispielsweise auch in der StVO (Straßenverkehrsordnung), diversen Haus- und Stadtordnungen und vielem anderen mehr. Verstöße gegen die Regeln werden geahndet, seien es die niederschwelligen Ordnungswidrigkeiten oder die härteren Gesetzesverstöße. Letztere werden, kriegt man den Verursacher, teils mehr, teils weniger nachvollziehbar im Strafmaß, regelmäßig geahndet.

Aber wie ist das mit Ordnungswidrigkeiten? Gibt es die überhaupt noch? Im Sinne: Werden die überhaupt noch verfolgt und bestraft? Okay, eine Ordnungswidrigkeit ist meist weniger gesellschaftsrelevant als eine Straftat, aber wo ist die Grenze? Wann wird das Begehen einer Ordnungswidrigkeit zu einer solchen Selbstverständlichkeit, dass auch Gesetzesverstöße als selbstverständlich hingenommen werden?

Irgendwer hat mal geschrieben: Wenn Regeln zu 100% befolgt werden, werden sie zur Zwangsjacke, rund 10% Verstöße sind völlig normal, aber irgendwann hebt sich eine Regel von allein auf, wenn sich immer mehr nicht dran halten. Einfaches Beispiel ist in diesem Zusammenhang die StVO. Bewegt man sich nach all ihren Regeln über die Straßen, wird man nicht nur zu einem Verkehrshindernis, sondern erkennt noch, wie wenig sich der durchschnittliche Autofahrer dran hält. Und dabei meine ich nicht nur die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Abbiegen ohne Blinken, Spurwechsel ohne Blinken, Spurwechsel bei durchgezogenen Linien, defekte Bremslichter und Scheinwerfer, Telefonieren und anderweitiges elektronisches Kommunizieren bei der Fahrt, sonstige Nebentätigkeiten, permanentes Linksfahren, Unfähigkeiten beim Reißverschlussverfahren, Fahren und Parken in Fußgängerzonen, das Einfahren in eine Kreuzung, obwohl da noch Autos stehen, usw. usf. Wer verhält sich schon immer regelkonform? Oder der §30(1) StVO: „…Unnützes Hin- und Herfahren ist innerhalb geschlossener Ortschaften verboten, wenn Andere dadurch belästigt werden.“ Damit wird ein Cruisen durch die Stadt eigentlich verboten.

Im Straßenverkehr, bei aller großen Zahl der Beteiligten, ist der Autofahrer doch irgendwie allein. Tritt mensch aber in einer Gruppe auf, werden gesellschaftliche Konventionen gleich dutzendweise missachtet. Ruhestörung, Abbrennen von Feuerwerken außerhalb der genehmigten Zeiten, primitives anarchisches Verhalten, Rückfälle ins gesellschaftliche Mittelalter. All das hat mit dem, was es ursprünglich mal sein sollte, nichts, aber auch gar nichts mehr zu tun. Solche Veranstaltungen sind der gelebte Beweis für die Nichtexistenz von sowas wie „Schwarmintelligenz“.

Wie wäre es mal mit einer berühmten Krimifrage: „Was machten Sie am 13. Juli 2014 nach 21 Uhr?“ Ich könnte es beantworten: Ich habe vor dem Fernseher gesessen oder gelegen und habe mich köstlich amüsiert. Das TV-Gerät zeigte das Programm von Juwelo TV (Schmuckverkaufssender), wobei mich das eigentliche Anliegen des Senders herzlich wenig interessierte. Einzig die Art der Moderation war extrem unterhaltsam, weil den Machern des Programms durchaus bewusst war, dass ihnen in dem Moment kaum jemand zusah. Zeitgleich fand das Finale der Fußballweltmeisterschaft statt, was mich wiederum aber auch sowas von gar nicht interessierte. Mir geht auch das Gefühl des Fan-seins ab, so dass ich beispielsweise Äußerungen von echten Fans über „ihre“ Mannschaft und das Verbundensein nicht wirklich nachfühlen kann. Noch weniger verstehe ich das Verhalten von extremen Fäns, die Verwendung von Bengalos und anderen Feuerwerken im Stadion und anderswo, die Gewaltausbrüche beim Aufeinandertreffen von Fängruppen unterschiedlicher Vereine usw.

Geht unsere Gesellschaft langsam aber sicher den Bach runter? Bewegen wir uns in größeren Gruppen wieder auf dem Niveau von Orang-Utans im Balzkampf? Wo sind die Fans, die sich über Tore freuen, ggf. auch die der gegnerischen Mannschaft, wenn sie gut heraus gespielt waren, und bei einem Sieg fröhlich nach Hause gehen? Stattdessen werden nach abgesagten Geburtstagsfeiern Straßen drangsaliert und halbe Wohngebiete in den Ausnahmezustand versetzt und die Ordnungshüter lassen gewähren (wobei ich hoffe, dass die nachträgliche Aufarbeitung noch zu einigen Anzeigen und den daraus resultierenden Folgen führen). Das alles ist mit der Begründung „Fan“ nicht zu erklären und zu entschuldigen, aber das will sowieso niemand. Das ist keine „Fankultur“, das sieht eher wie Mob aus. Aber ich kann mich ja darauf rausreden, dass ich es nicht verstehe. Ich will es auch nicht verstehen, weil es eine Entwicklung zu Radikalisierung und zu mehr (machoistischer) Gewalt zeigt, zu viel fehlgeleiteter Energie, die anderweitig gesellschaftlich nicht abgefordert wird, und das alles in einer Größenordnung, dass ich Angst für die und vor der Zukunft bekomme.

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