Die Rache der “Stadttheater”-Zuschauer

Das hätte sich der in Neubrandenburg und Umgebung weltberühmte Kabarettist Silvio Witt auch nicht träumen lassen: Jahrelang begleitet er das Wirken von Dr. Paul Krüger, dem Oberbürgermeister der letzten 14 Jahre, durchaus kritisch, und nun besteht eine berechtigte Chance, dass er es mal besser machen kann.

Mit sage und schreibe 43% aller abgegebenen Stimmen vereint er als parteiloser Kandidat die meisten Wählerstimmen auf sich. Abgeschlagen die Mitbewerber:

  1. Silvio Witt (parteilos): 43,1%
  2. Torsten Koplin (Die Linke): 26,8%
  3. Dr. Diana Kuhk (CDU): 16,7%
  4. Michael Nötzel (parteilos): 8,9%
  5. Michael Stieber (SPD): 4,2%
  6. Manfred Pawlowski (FDP): 0,4%

Bei der Betrachtung diesen Ergebnisses kann man sich jetzt eine Reihe von Fragen stellen. Am wenigsten überraschend ist wohl das Ergebnis von Torsten Koplin. Manfred Pawlowski hätte man durchaus ein paar mehr Prozentpunkte zugetraut. Für das Abschneiden unseres ehemaligen Kreistagspräsidenten Michael Stieber fehlt mir das passende Adjektiv, Irgendwas zwischen erschreckend, enttäuschend, unverständlich, aber keins davon trifft es wirklich. Mich würde der Grund des Wählers interessieren. Ist es die grundsätzliche Schwäche der SPD in der Region, schwabt da noch etwas gestörtes Ansehen der Bundes-SPD mit hinein oder waren es doch die zwei Gesichter des Michael S., die uns von den Werbeplakaten einer- und von den Postkarten andererseits entgegenblickten.

Den Mutti-Merkel-Effekt konnte Dr. Diana Kuhk offensichtlich nicht für sich nutzen. Trotzdem stellt sich die Frage nach dem Grund für das unterdurchschnittliche Abschneiden der CDU-Kandidatin. Spielt bei einer Oberbürgermeisterwahl eher die Persönlichkeit eine Rolle als die Parteizugehörigkeit? Waren die 14 Jahre des bisherigen CDU-Oberbürgermeisters eine zu große Bürde? Fragen, auf die man sicher aus dem eigenen Gefühl heraus (oder aus der Meinung seiner Filterbubble) Antworten finden kann, ob sie an die Realität heranreichen, werden wir wohl nicht erfahren.

Mit seinen über 10000 Stimmen vereinte Silvio Witt die Mehrheit der zur Wahl gegangenen Neubrandenburger hinter sich. In der Finalrunde muss er sich aber nochmal gegen Torsten Koplin behaupten. Der Bürger ist also nochmal gefragt. Das jetzt vorgelegte Ergebnis nutzt bei der Stichwahl am 15. März nichts, nur die an dem Tag abgegebenen Stimmen bestimmen unseren neuen Oberbürgermeister. Und, wer weiß, vielleicht wird die Rache der “Stadttheater”-Zuschauer dann wahr, wenn es für Silvio Witt danach heißt: Nicht mehr meckern – selbst besser machen.

Denkfehler – Falsche Ursache

In der Philosophie – aber nicht nur dort – baut man gern Kausalitäten oder gar ganze Kausalitätsketten auf. Ursache -> Wirkung ist die Verknüpfung, die immer wieder hergestellt wird und als so allgemeingültig gilt, dass sie bis ins wirkliche Leben hinein wirkt. Wenn irgendetwas passiert, hat das diese oder jene Ursache. Punktum. Wer sich da etwas kundig machen möchte, kann es mit dem dazugehörigen Wikipedia-Artikel versuchen. Dort gibt es auch einen Absatz zur Kausalität in der Physik. Ich erinnere mich dunkel an mein Studium.

Physik und Philosophie waren in der Vergangenheit schon immer eng verbunden. VIele große Physiker waren durchaus auch anerkannte Philosophen. Nicht umsonst hat es die Physik als einzige der anderen Wissenschaften geschafft, ein eigenes Philosophiegebäude – die Metaphysik – aufzustellen. Mal ganz populistisch ausgedrückt. ;-) Gegenseitig befruchtet haben sich Philosophie und Physik ungezählte Male. So kann man sich durchaus fragen, wo das o.g. Kausalitätsprinzip erstmalig als Erkenntnis aufgetaucht ist.

Aber es ist auch nicht das einzige Denkmodell, das man aus der Physik in der Philosophie verwerten kann, es gibt da noch ein anderes, das ursprünglich aus der Elektrotechnik kommt. Hier ist es als “Rechte-Hand-Regel” bekannt, die die Kraftwirkungsrichtung auf einen stromdurchflossenen Leiter in einem Magnetfeld beschreibt. Kennen gelernt habe ich diese Regel (es gibt sie auch als “Linke-Hand-Regel”)  als UVW-Regel, die dem philosophierenden Gedanken näher kommt. Die drei Buchstaben stehen für Ursache-Vermittlung-Wirkung. Heißt: Jede Wirkung hat neben einer Ursache auch eine vermittelnde Bedingung. Und hier liegt der Knackpunkt.

Viele der einfachen Kausalitäten sind eigentlich Zusammenhänge, die man eher mit der UVW-Regel beschreiben kann. Nur werden hier entweder Ursache und Vermittlung verwechselt bzw. eine Vermittlung irrtümlich für eine Ursache gehalten, wobei man dann die eigentliche Ursache entweder nicht kennt oder ignoriert. Daraus folgern dann Fehler im Umgang mit den Zusammenhängen. Ein einfaches Beispiel sei unser Umgang mit einer Erkältung. Husten, Schnupfen, dichte Nase, Kopfschmerzen, Fieber. Also nichts wie rein mit Hustenstiller, Fiebersenker, Kopfschmerzpille und Nasenspräy zum Abschwellen der Schleimhäute, Bingo! Uns gehts wieder gut – den Umständen entsprechend. Und eigentlich alles falsch gemacht. Was wir da behandelt haben, warten allenfalls die Symptome der Erkältung, nicht aber deren Ursache. Diese Ursache bekämpft der Körper übrigens ganz gut allein, wenn man ihn ließe. Mit einer Temperaturerhöhung versucht er, die Viren abzutöten, mit Husten und Niesen versucht er, die verseuchten Schleimhäute los zu werden. Dafür braucht er Flüssigkeit, die er sich holt, wo er sie kriegen kann, und schon kriegen wir Kopfschmerzen, wie bei einem Kater, auch ein Flüssigkeitsmangel. Mal salopp ausgedrückt.

So muss doch bei der Bewertung jedes Ereignisses ein wenig Hirnschmalz eingesetzt werden, um die wahren Ursachen zu erkennen und nicht die Vermittlungen für die falschen Ursachen zu halten. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Immer versuchen, hinter die (vermeintlichen) Ursachen zu schauen, ob man nicht doch noch die echten findet. Die Anwendung auf aktuelle Ereignisse überlasse ich mal Euch.

35, 30, 15, 10, 5, 5

Neubrandenburg wählt. Es ist zwar noch ein paar Tage hin, aber die ersten Auswirkungen des Wahlkampfes sind schon zu spüren. Zumal ja auch sooo viel Zeit nicht mehr ist. Am 01. März wählen wir einen neuen Oberbürgermeister. Und wenn es keiner auf Anhieb schafft, machen wir das am 15. März gleich nochmal, nur die Auswahl ist dann kleiner. So ist das bei einer Stichwahl: 2 aus 6.

Im ersten Wahlgang stehen 6 Kandidaten zur Auswahl. Die Presse hat ja schon mit einer gewissen Ausführlichkeit darüber  geschrieben (wertungsfrei alphabetisch sortiert):

  • Torsten Koplin (Die Linke)
  • Diana Kuhk (CDU)
  • Michael Nötzel (parteilos)
  • Manfred Pawlowski (FDP)
  • Michael Stieber (SPD)
  • Silvio Witt (parteilos)

Da gilt es wohl mal, den Zahlen aus der Überschrift den entsprechenden Bewerbern zuzuordnen. Alles bitte aus Sicht vom 18.01.2015 mit einer gefühlten Spanne von +/- 5%.

Manfred Pawlowski (FDP): 5%
Manfred wer? Sicherlich gibt es einen Reihe Wähler, die ihn kennen. Die seiner Partei nahestehenden werden ihn wohl wählen. Könnte also auch noch weniger werden.

Michael Nötzel (parteilos): 5%
Unkonventionelle Denkweisen sind noch kein abendfüllendes Programm (wobei so ein “Abend” 7 Jahre dauert). Für einen politischen Gestaltungs-Job sicher besser geeignet, aber, bei allem Respekt: Ein Oberbürgermeister ist ein Verwaltungschef. Das schränkt kreative Gestaltung ein. Zumal die Stadtvertretung alle Ideen absegnen muss. Und, das, was Geld kostet, bedarf die Zustimmung von Herrn Caffier.

Michael Stieber (SPD): 10%
Es ist zu befürchten, dass hier die Partei das größte Verhinderungspotenzial hat. Es gilt zu hoffen, dass Michael Stieber wenigstens in seiner eigenen Partei genug Wahlgänger hat, die für ihn stimmen. Das ist auch nicht bei jedem Kandidaten so.

Diana Kuhk (CDU): 35%
Ihr erster Faux pas wird bis zur Wahl vergessen sein, wenn er nicht wieder aufgefrischt wird. Ansonsten würden wir mit ihr auf jeden Fall die bestaussehenste Wahl treffen. Auch resolute Durchsetzungskraft wird unterstellt. Es bleibt nur zu hoffen, dass nicht zu viele Sozialpädagogen zur Wahl gehen, von diesem Berufsstand sind wohl eher keine Stimmen zu erwarten.

Tosten Koplin (Die Linke): 30%
Rote Hochburg Neubrandenburg. Wobei es zu befürchten ist, dass selbst aus der Partei nicht alle Stimmen für ihn abgegeben werden. So lauten jedenfalls Gerüchte. Wobei, so ein Verwaltungsjob wäre schon was passendes.

Silvio Witt (parteilos): 15%
Neubrandenburg ist nicht Reykjavík. Silvio Witt ist nicht Jón Gnarr. Und er ist auch nicht Hans-Joachim Schröder. Wobei das durchaus positiv bewertet werden kann. Immerhin spielt Silvio Witt seine Rollen selbst und schreibt sich auch seine Texte.
Schade ist, dass zur Stichwahl nur zwei Kandidaten antreten. Bei dreien hätte Silvio Witt durchaus eine Chance, nur, dass er so schon in der Vorrunde rausfliegt. Die Frage ist auch, ob ihm als kreativen Kopf die Arbeit als Oberbürgermeister wirklich gefallen würde.

Am 1. März wird gewählt. Gegen 19 Uhr wird spätestens klar sein, wer in die Entscheidungsrunde geht. Mal sehen, was die Wochen davor noch für Erkenntnisse bringen. Der Wahlkampf möge beginnen.

Rekursives Menschenrecht

Der Artikel 5 unserer aktuellen Verfassung namens Grundgesetz befasst sich mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung und und zementiert sie fest in unserer Gesellschaft. Watt’n Glück.

Dabei geht es darum, das jeder seine und nicht jeder eine Meinung frei äußern kann. Sobald also zwei Leute aufeinander treffen, kann es auch zwei Meinungen geben, die sich diametral gegenüber stehen.

A hat also eine Meinung und B auch, aber eine andere. Wenn A seine eigene äußert, kann B seine dagegen stellen, wogegen dann aber wieder A seine stellt und B dann wieder seine. Usw. Usf.

Zur Beachtung: Keine Meinung sollte so fest sein, als dass sie sich nicht auch durch gute Argumente bewegen lässt. Dieses “bewegen” nennt man auch “denken”.

Voltaire soll einmal gesagt haben: “Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.”

Zuviele sollten aber auch nicht einer Meinung sein. Dazu meinte Heiner Müller einmal: “Zehn Deutsche sind natürlich dümmer als fünf Deutsche.”

Womit sich der Begriff “Schwarmintelligenz” als allgemeinum für den Menschen verbietet. Es mag bewusst herbeigeführte Zustände geben, wo das nicht so ist, aber im unbewussten System ohne Energiezufuhr gilt eben der 2. Satz der Thermodynamik, nachdem sich das Maß des Chaos von allein immer nur vergrößert.

Und wer letztendlich Recht hat, das muss der Beobachter aus seinem Blickwinkel unter Berücksichtigung der Folgen entscheiden. Wer in diesem Moment Recht hat, ist jetzt nicht zu entscheiden.

Markenschutz akut nötig

Liebe Montagsdemonstranten von 1989,

bitte tut etwas. Eure Leistung wird in den Dreck gezogen. Ihr habt in der Vorwendezeit dafür gesorgt, dass die friedliche Revolution gesiegt hat. Dadurch hat der Begriff “Montagsdemo” einen gewissen Markencharakter bekommen, durchaus auch positiv besetzt, der in der letzten Zeit immer öfter und immer mehr in den Schmutz gezogen wird. Das darf nicht passieren. Auch wenn die damaligen “Montagsdemos” in Neubrandenburg nicht am Montag, sondern wohl am Mittwoch(?) stattfanden, es gilt, ihr Andenken zu wahren.

Wie komme ich drauf? Heute wurde ich Zeuge einer Montagsdemo auf dem Neubrandenburger Marktplatz. Ein paar Transparante, ein beschallungsanlagenverstärkter Redner (zumindest in der Zeit, wo ich in Hörweite weilte), und ein gutes Dutzend Anwesende, deren Funktion in der kurzen Zeit nicht auszumachen war: Zuschauer, Teilnehmer, zufällig gerade auf dem Platz, Neugierige. Sagen wir mal so: Auf einem nicht angekündigten Grünmarkt ist mehr los. Aber was wurde geboten?

Dass im Moment in diesem Land und auf der Welt einiges nicht so läuft, wie man es sich vorstellt, und dass man einer Reihe von Entwicklungen durchaus kritisch gegenüber stehen kann, ist unbestritten. Und wenn der Bürger nicht bald etwas gegen mancherlei dieser Missstände etwas unternimmt, wird es in absehbarer Zeit richtig übel mit der Gesellschaft. Aber was da auf dieser Montagsdemo als Thema angeboten wurde (ich habe nur eins mitbekommen), war plattester Populismus, der sich an absoluten Nebenschauplätzen aufgeilt und mit billigen Taschenspielertricks versucht, Stimmung zu machen, die diffus und wenig sinnführend ist, weil sie ggf. die Unzufriedenheit aufstachelt, aber keine Lösungsvorschläge oder keine konkrete Arbeitsrichtung anbietet.

Natürlich sind das Freihandelsabkommen mit den USA, die Auslandseinsätze deutscher und europäischer Soldaten weltweit oder die seit Jahren anhaltende Wirtschafts(?)-Krise wenig sexy für eine schwungvolle Rede, weil man sich vorher mit einer umfangreichen Faktenlage befassen muss, die es gilt zu verstehen und einzuordnen (eine Fähigkeit, die ich mir selber auch abspreche, auch mangels Kenntnis der Fakten). Aber sich auf eine Neiddebatte zu reduzieren, indem man die Abgeordnetendiäten thematisiert, ist thematisch billigster Ramsch aus der Populismuskramkiste: nicht zielführend und die Politikverdrossenheit fördernd.

Jetzt holen wir mal alle unsere Lohn- und Gehaltsstreifen raus. Alle! Und suchen die Stelle, wo die Lohnsteuer steht. Wer seine Jahresabrechnung findet – die reicht auch.

Gefunden?

Gut.

Nun vergleiche mal die, die ihre Monatsabrechnung in der Hand halten, den dort abgedruckten Steuer-Wert mit 0,75 € (oder: 75 Cent). Und die mit der Jahressteuerrechnung vergleichen den Wert mit 8,75 €. Das kostet jeden Bürger der deutsche Bundestag mit seinen Abgeordneten (Quelle) im Jahre 2012. 700 Mio. €, geteilt durch 80 Mio. Einwohner. Wie würde die Deutsche Bank sagen? Peanuts. Und wenn ihr das von Euren Steuern abgezogen habt, bleibt noch genug übrig, deren Verbleib entschieden interessanter ist, als 598 (plus Überhänger) Menschen ein – zugegeben gutes – Einkommen zu gewährleisten. Das ist im Moment definitiv ein kleineres unserer Problem.

Also, liebe Montagsdemonstranten von 1988/89! Tut was, damit Euer Werk nicht durch die heutigen Montagsdemonstranten in den Schmutz gezogen wird. Nur fürchte ich, da wird nicht viel passieren. In den letzten zweieinhalb Jahrzehnten hat so mancher damaliger Demonstrant sein Leben in “wohlsituierte Bahnen” lenken können, denen gehts zu gut zum Demonstrieren. Und so wird auch das Denkmal der Montagsdemo vom Sockel gestürzt und landet im Staub der Geschichte. Schade.

 

Demokratie pur

Manchmal guckt man ja nicht ungestraft Fernsehen. Im konkreten Fall waren es Nachrichten. Da gab es eine Meldung, wo in zwei Sätzen unsere “Demokratie” lupenrein beschrieben wurde. Heißt: Das, was dort beschrieben wird, ist alles, aber keine Äußerung über eine Demokratie.

“Neuer Klubchef (eines Vereins – DNB) wird der bisherige Vizevorsitzende XY. Der Finanzfachmann soll auf einer Mitgliederversammlung Anfang Mai gewählt werden.”

Schön, dass jetzt schon klar ist, wer im Mai gewählt wird. Schön, dass Journalisten sowas senden. Schön, dass in Vereinen (und auch der Politik) so gedacht wird. Schön, dass ggf. Bestätigungen einzelner als “Wahl” bezeichnet werden. Wahl hat für die Wähler auch immer was mit Auswahl zu tun! Und wenn zwei (oder mehr) zur Wahl stehen, dann ist das noch lange keine “Kampfabstimmung”, sondern einfach nur gute Demokratie.

Irreführende Werbung

Es ist kalt. Es ist aber auch Herbst, da darf es das. Im Winter wird es noch kälter. Da ist es gut, einen warmen Wams zu haben. Oder gleich mehrere Wämser. Dann ist man gewappnet. Völlig unvorbereitet traf mich bei Autofahren eine Radiowerbung. Virtuell fehlt jetzt beim Lenkrad oben ein Stück, weil ich da reingebissen haben. WamS-Werbung.

Was so eine kleine typografische Änderung so alles ausmacht. Schreibt man plötzlich den letzten Buchstaben groß, wird aus der wärmenden Weste eine kühl berichtende Zeitung, die für ihr nächstes Erscheinen per Reklame unter anderem das Thema “Wie Wirtschaftslobbyisten in Deutschland mitregieren” (oder so ähnlich) ankündigt. Vermutlich eine ausführliche Darstellung zum Thema und nicht nur ein Zweispaltenartikel.

Mitregieren. Ha! Lächerlich! Man zeige mir eine Regierungsentscheidung von Bedeutung (inkl. durch Bundestag bestätigte Gesetze), die nicht vorteilhaft für mindestens eine Branche, ein Unternehmen oder die Wirtschaft als solches wäre. Und wo es nicht offensichtlich ist, muss man es suchen. Was macht das Berliner Majonettentheater denn nicht ohne “Beratung” durch Lobby- und ähnliche Verbände?

Mitregieren. Und das in einer Zeitung, wo eine der beiden wirklich mächtigsten Frauen ganz oben an der Spitze steht. Das ist doch Augenwischerei! Volksverdummung. Die Wirtschaft regiert nicht mit, sie regiert. Wer das erstmal als Erkenntnis akzeptiert hat, versteht den Rest von ganz allein. Punktum.

War die Bundestagswahl ein Gemetzel? (aktualisiert)

Keine Angst: Die Überschrift ist nur eine rhetorische Frage. Und der Auslöser hat nur mittelbar mit der Bundestagswahl zu tun. Es geht auch eher um Begrifflichkeiten und ihre Anwendung im Journalismus. Kommen wir mal vom Prinzipiellen über das Allgemeine zum Konkreten.

Ein Baum ist ein Baum. Zwei Bäume sind zwei Bäume. Tausend Bäume sind ein Wald. Ab dem wievielten Baum wird es ein Wald? Eine Kartoffel ist eine Kartoffel. Zwei Kartoffeln sind zwei Kartoffeln. Tausend Kartoffeln sind ein Haufen. Ab der wievielten Kartoffel wird ein Haufen?

Wenn bei der Besetzung eines Postens einer zur Auswahl steht, nennt man das Wahl (Bemerke nur ich den Widerspruch in diesem Satz?). Sind es zwei, nennt man es schon Kampfabstimmung. Was wird es, wenn der Wähler 38 Wahlmöglichkeiten hat? Ein Gemetzel? Völkermord?

Nach der letzten Bundestagswahl findet bei B’90/Grünen das große Stühlerücken statt – wobei meine Gedanken mit der Partei als solches nichts zu tun haben, das ist auch alles schon bei den anderen auch passiert. Die Journaille berichtet pflichtbewusst davon. Für den einen Posten gab es einen Bewerber. Hier sprach man dann von Wahl. Bei einem anderen Posten gibt es zwei Bewerberinnen, schon wurde es eine Kampfabstimmung.

Das Instrument der Wahl gehört zur Demokratie wie das Wasser ins Meer. Dass eine Wahl immer auch eine Auswahl impliziert, wird dem bürgerlichen Wähler mit jedem Wahlzettel vorgeführt. So wäre es doch eigentlich eine demokratische Pflichtübung, zu jeder Wahl mindestens eine Alternative bereitzustellen, meinetwegen auch zwangsweise. Und damit es etwas spannend bleib, gibt es für die die Wiederwahl erschwerte Bedingungen. Wie wäre es da mit einer summierten Mehrheit.

Das lässt sich am einfachsten mathematisch ausdrücken. Bei der n. Wahl für einen Posten braucht der Kandidat eine n/(n+1)-Mehrheit, um gewählt zu werden. Das hieße, bei der ersten Wahl ist alles wie bisher: der Kandidat braucht die Hälfte aller Stimmen, um gewählt zu sein. Bei der ersten Wiederwahl (also der 2. Wahl) braucht es dann schon eine 2/3-Mehrheit, bei der dritten Wahl eine 3/4-Mehrheit usw. So kommen vielleicht auch mal neue Leute auf die Posten.

Aktualisierung (20:02 Uhr): Achnee, liebe Tagesschau. Nicht ihr auch noch. Wenn Menschen zwischen zwei Kandidatinnen auswählen können, dann ist es eine Wahl und keine Kampfabstimmung! Hört auf mit dem Blödsinn!

Wahlnachlese – Ein Gedanke

Tja, da hat das Volk einigen Politikern und ihren Parteien doch ganz schön in die Suppe gespuckt. Aber wie reagieren die?

Erst führen die Röslers, Trittins & Co. ihre Parteien ins Desaster und dann ziehen sie den Schwanz ein und überlassen die Müllhalde den anderen.

Gerade jetzt müssten die doch als echte Parteiarbeiter helfen, die Karre aus dem Sumpf zu ziehen. Vielleicht sollte man denen, die freiwillig gehen und sich so vor richtiger Arbeit drücken, die Hälfte ihrer nachpolitikerkarriereruhestandversüßende Bezüge streichen.

Eigentümlich – Das Pferd von hinten (aktualisiert)

Im Wahlkampf werden die Politiker und damit auch die Parteien eigentümlich. Manchmal bleibt einem da nur zu hoffen, dass sie sich doch nach wie vor an den Münteferingschen Aufregersatz “Wir werden als Koalition an dem gemessen, was in Wahlkämpfen gesagt worden ist. Das ist unfair!” halten. Hauptsache medienwirksamer Populismus. Aber das hat Tradition.

Gerade die Grünen sind hier recht federführend aktiv. Mit traumwandlerischer Sicherheit zäumen sie – selbst mit ihren großen Aktionen – das Pferd von hinten auf. Beispiel: Anti-Atom-Kampf. Dass man die Energieerzeugung aus Kernkraft dank ihrer unsicheren Entsorgung und das risikobehafteten Betreibung runterfahren sollte, ist unbestritten. Es an den Transporten der abgebrannten Elemente mittels Castoren festzumachen, ist genauso sinngebend, als ob man ein Feuer dadurch bekämpft, indem man der Asche den Abtransport versperrt. Wäre es nicht da bedeutend besser, etwas gegen die Erzeugung von Kernbrennstäben und ihr Anlieferung zu tun?

Gleiches Prinzip – andere Baustelle. Aktuell steht der Veggie-Day groß auf den Fahnen. Kantinen sollen pro Woche einen fleischfreien Tag anbieten. Der Sinn, der dahinter steht, ist nicht die Förderung heimischer Gemüsebauern, indem über diesen Tag die Aufmerksamkeit auf ihre schmackhaften Angebote gelenkt würde, wären die Kantinen in der Lage, regional erzeugtes Gemüse überhaupt zuzubereiten. Nein: Das Ziel (der Grünen) mit dieser Aktion ist, etwas gegen die Massentierhaltung zu tun.

Betont sei an dieser Stelle: Gegen das Ziel, die Massentierhaltung abzuschaffen, ist überhaupt nichts zu sagen. Aber warum mit derart unbrauchbaren Mitteln? Ist es nicht gerade die Politik, die die Rahmenbedingungen setzen kann, dass derartige Tierquälerei nicht mehr stattfindet? Weil sie sich aber eher Lobbyinteressen beugen, verlagern sie die Verantwortung auf die Bürger (=Kantinenesser) und stehlen sich selbst aus selbiger. Vegetarismus verhindert keine Massentierhaltung. Im Gegenteil: Durch die dadurch nicht stattfindende Förderung naturnaher Tieraufzucht wird die Erzeugung billigen absetzbaren Fleisches nur forciert.

Da fällt mir noch ein alter Witz (leicht adaptiert) zu sein, wo wir gerade bei Pferden von hinten sind: Was ist der Unterschied zwischen dem Schwanz eines Pferdes und dem Schlips eines Politikers? Der Schwanz verdeckt das ganze Arschloch.

P.S.: Gerade wurde ich auf einen interessanten Artikel aufmerksam gemacht mit der Bemerkung: Sowas liest man auch nicht so oft im Internet.