Der wichtigste Satz an den Anfang: Die Frage in der Überschrift betrifft nicht nur die Tagesschau. Bei Tagesthemen, heute, heutejournal, RTLaktuell, Sat.1-Nachrichten u.a trifft das auch zu. Die RTL-II-News lügen in dem Zusammenhang übrigens nicht, genau wie die KabelEins-News und die von ProSieben. Und ich meine nicht das „Guten Abend, meine Damen und Herren.“ bzw. vergleichbare Floskeln.

Das Fernsehen hat in den letzten Jahren einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht. Das meine ich weniger inhaltlich als technisch. Wenn man sich allein mal die Übertragungswege ansieht, über die uns die Programme erreichen:

  • analoges Kabel
  • digitales Kabel SD
  • digitales Kabel HD
  • DVB-T
  • DVB-S (Satellitendirektempfang) in SD
  • DVB-S in HD
  • IPTV á la Entertain & Co.
  • Livestreams über die Mediatheken der Sender
  • IPTV über Zattoo, Magine, Couchfunk & Co.

Wenn man sich mal überlegt, dass bis ca. 1980 alles „nur“ über analoges Antennefernsehen lief. Ok, da auch nur mit 3 Programmen. Aber immerhin.

Während aber das analoge Antennenfernsehen die Signale noch mit knapp 300’000 km/s übertrug, von der Livekamera bis zum Fernseher, ist das heute nicht mehr der Fall. Die Signale werden zwar immer noch genauso schnell übertragen, aber es gibt Umformungspunkte, wo alles decodiert/codiert/recodiert u.ä. wird. Außerdem speichert das Empfangsgerät unterschiedlich viele Daten zwischen (cache oder buffer), um eine flüssige Wiedergabe zu gewährleisten. Außerdem kommen die längeren Strecken über den Satellit noch hinzu, was schon beim analogen Sat-Empfang(†) zu Verzögerungen führte.

So hängt die Dauer der Übertragung vom Übertragungsweg und auch vom Endgerät ab. Hinzu kommt eine mittelbare Abhängigkeit von der Auflösung. Merke den Spruch von der letzten Fußball-WM: Je besser das Bild, desto später das Tor. So kommen Laufzeitunterschiede von mehreren Sekunden zusammen. Berücksichtigt man auch noch die Livestreams oder das IPTV, kann man mit – technisch bedingten – Verzögerungen bis zu einer Minute rechnen.

Bleibt die Frage, warum am Beginn der Sendungen überhaupt Uhren gezeigt werden. Ich hoffe mal, das „Das haben wir schon immer so gemacht, also bleibt das so.“ nicht der einzige Grund ist. Vernünftig ist er nicht. Aber warum dann die Lüge jedes Mal?

Keine Angst: Die Überschrift ist nur eine rhetorische Frage. Und der Auslöser hat nur mittelbar mit der Bundestagswahl zu tun. Es geht auch eher um Begrifflichkeiten und ihre Anwendung im Journalismus. Kommen wir mal vom Prinzipiellen über das Allgemeine zum Konkreten.

Ein Baum ist ein Baum. Zwei Bäume sind zwei Bäume. Tausend Bäume sind ein Wald. Ab dem wievielten Baum wird es ein Wald? Eine Kartoffel ist eine Kartoffel. Zwei Kartoffeln sind zwei Kartoffeln. Tausend Kartoffeln sind ein Haufen. Ab der wievielten Kartoffel wird ein Haufen?

Wenn bei der Besetzung eines Postens einer zur Auswahl steht, nennt man das Wahl (Bemerke nur ich den Widerspruch in diesem Satz?). Sind es zwei, nennt man es schon Kampfabstimmung. Was wird es, wenn der Wähler 38 Wahlmöglichkeiten hat? Ein Gemetzel? Völkermord?

Nach der letzten Bundestagswahl findet bei B’90/Grünen das große Stühlerücken statt – wobei meine Gedanken mit der Partei als solches nichts zu tun haben, das ist auch alles schon bei den anderen auch passiert. Die Journaille berichtet pflichtbewusst davon. Für den einen Posten gab es einen Bewerber. Hier sprach man dann von Wahl. Bei einem anderen Posten gibt es zwei Bewerberinnen, schon wurde es eine Kampfabstimmung.

Das Instrument der Wahl gehört zur Demokratie wie das Wasser ins Meer. Dass eine Wahl immer auch eine Auswahl impliziert, wird dem bürgerlichen Wähler mit jedem Wahlzettel vorgeführt. So wäre es doch eigentlich eine demokratische Pflichtübung, zu jeder Wahl mindestens eine Alternative bereitzustellen, meinetwegen auch zwangsweise. Und damit es etwas spannend bleib, gibt es für die die Wiederwahl erschwerte Bedingungen. Wie wäre es da mit einer summierten Mehrheit.

Das lässt sich am einfachsten mathematisch ausdrücken. Bei der n. Wahl für einen Posten braucht der Kandidat eine n/(n+1)-Mehrheit, um gewählt zu werden. Das hieße, bei der ersten Wahl ist alles wie bisher: der Kandidat braucht die Hälfte aller Stimmen, um gewählt zu sein. Bei der ersten Wiederwahl (also der 2. Wahl) braucht es dann schon eine 2/3-Mehrheit, bei der dritten Wahl eine 3/4-Mehrheit usw. So kommen vielleicht auch mal neue Leute auf die Posten.

Aktualisierung (20:02 Uhr): Achnee, liebe Tagesschau. Nicht ihr auch noch. Wenn Menschen zwischen zwei Kandidatinnen auswählen können, dann ist es eine Wahl und keine Kampfabstimmung! Hört auf mit dem Blödsinn!

Wo doch gerade gestern schon über die 20-Uhr-Tagesschau geschrieben wurde, setzen wir heute gleich mal nach. Hingucken ist manchmal angesagt, auch, wenn eine Sendung noch nicht wirklich begonnen hat. Das Ritual ist (fast) immer das selbe: 10 Sekunden vor 20 Uhr beginnt noch ein kurzer Werbespot, dann sieht man 3 Sekunden die Uhr und dann fängt die Sendung an.

Seitlich sieht man in der Situation den Moderator oder auch die Moderatorin. Konzentriert wird auf das Erleuchten des roten Lichtes auf der Sprecherkamera gewartet. Aber der Zuschauer sieht schon was. Noch während die Musik des Vorspannes läuft, strafft sich plötzlich der Körper und einen Wimpernschlag später wird die Lächelmaske aufgesetzt.

Ja, genau: die Lächelmaske. Das geschieht bei einigen beinahe mit einem Ruck, so dass das irgendwie unangenehm auffällt. An der Stelle sollte noch mal nachgearbeitet werden. Entweder sollten die Sprecherinnen und Sprecher schon lächeln, wenn diese Seitenkamera läuft oder die Kamera sollte was anderes zeigen als einen plötzlich ergrinsenden Fernsehmenschen.

Kennen Sie Rudolf Keil? Nein? Dann sind Sie vermutlich nicht gut informiert. Rudolf Keil war lange, sehr lange Zeit derjenige, der vor der Tagesschauuhr das letzte Wort hatte. Er empfahl ein Diätprodukt, dass ich spätestens schon deswegen nicht kaufe, weil ich es ob der penetranten permanenten Werbung vor der 20-Uhr-Tagesschau für überteuert halte. Die Werbung an diesem prominenten Platz war sicher nicht billig und muss ja auch wieder rein kommen.

Nun hat er aber nicht mehr das Schlusswort. Nachdem Anfang November noch für die mit dem Mittelchen angeblich erreichbare Bikinifigur – ich trage gar keinen Bikini, schon gar nicht im November – geworben wurde, ist jetzt augenscheinlich Schluss. Aber nicht, dass Sie denken, für das Mittel wird keine Werbung mehr gemacht! Mitnichten. Es wurde aber vom hellichten Strand auf dunkle Abendgarderobe umgestellt. Bei der Gelegenheit wurde dann Apotheken-Rudi gleich mit entsorgt.

Wir betrauern also Apotheker Rudolf Keil, der uns als Ergänzung zum überteuerten Mittelchen noch zu einem kostenlosen Diätplan überreden wollte. Aber auf der Webseite des aufgepeppten Eiweißpulvers findet man noch sein Abbild. Und einen interessanten Satz. Nach einem Hinweis auf die vielfach falsche Ernährung des Menschen heißt es da: „… Probleme bereitet auch die industrielle Verarbeitung unserer Lebensmittel, …“ und die beheben wir mit einem industriellen und hochverarbeiteten Nahrungsersatzstoffprodukt.

Das ist eine Win-Win-Situation: Die Nahrungsmittelindustrie macht uns krank, die Pharmazieindustrie wieder gesund. Was wollen wir mehr?!

Fernsehen – wenn man die Augen zumacht, ist es wie Radio. Ich weiß nicht, für welches der beiden Medien das ein Kompliment und für welches ein Armutszeugnis ist. Das kann nur der Zuschauer bzw. Zuhörer entscheiden. Es scheint ja auch die Entwicklung zu geben, dass das Fernsehen immer mehr zu einem Nebenbeimedium wird, was das Radio bei den meisten schon ist. Hauptsache, es dudelt was nebenher und es ist nicht so still. Das Flackern des Bildschirms ersetzt das Kaminfeuer, nur: Es wärmt nicht.

Seit einiger Zeit überträgt NDR 1 Radio MV um 20 Uhr den Ton der zeitgleich laufenden Tagesschau. Ab 6. September schließt sich NDR info dieser Praxis an (siehe: Tagesschau künftig auch im Radio auf NDR Info). Die Frage, die sich da stellt: Warum macht gerade der NDR das von ihm verantwortete „Nachrichtenflaggschiff“ so schlecht? Warum zeigt er an zwei hauseigenen Beispielen, dass die Sendung offenbar ohne Bilder auskommt? Wenn man eine Fernsehsendung 1:1 im Radio übertragen kann, ohne, dass etwas wesentliches fehlt, könnte man sie im Fernsehen für zumindest überbewertet, wenn nicht gar überflüssig halten.

Der einzige Grund scheint nur zu sein, dass sie um die Uhrzeit exklusiv im Radio nicht die Aufmerksamkeit erreichen würde als bei einer einer Ausstrahlung im Ersten, in fast allen Dritten, in zwei von drei Digitalkanälen, auf 3sat und drei weiteren Radiosendern.