Scheitern mit System (2 Updates)

Hallo und herzlich willkommen bei „Vorsicht Kunde!“, der kleinen, aber feinen Transskriptionsshow, die es nur als Text gibt und nicht als Radio- oder Fernsehsendung. Heute haben wir zu Gast den Herrn P. aus N. an der D. (Name, Stadt und Fluss von der Redaktion gekürzt, aber im Prinzip bekannt), der uns sein neustes Erlebnis mit der allgemeinen Warenwirtschaft erzählen wird.

P.: Tja, hm, … *hust* … also: Ich will mir ein Küchengerät kaufen. Aber das gestaltet sich schwieriger, als man denkt.

Moderator: Was ist beim Erwerb eines Küchengerätes denn so schwer? Ab in den Landen, aussuchen, evtl. beraten lassen, auswählen, bezahlen, raus und fertig. 

P.: Das stellen sie sich so einfach vor. Und an sich mag das ja auch so richtig sein. Aber ich hatte mir etwas besonderes ausgesucht. Im Fernsehen hatte ich das Gerät, dass anlässlich der kommenden Weihnachtsfeiertage das meine werden sollte, ein paar mal gesehen. Da war es zwar meist irgendwo im Hintergrund, aber auch in Betrieb. Selbst ein bekannter Fernsehkoch nutzte es …

M.: Da hat das Product placement also funktioniert *lach*.

P.: Mag sein, aber ich hatte vorher schon mal davon gelesen, in einigen Rezepten war es auch als Zubereitungshilfe angegeben. Ich war durchaus interessiert, also googelte ich mich durchs Internet, um Bezugsmöglichkeiten zu finden. Dabei stellte sich heraus, dass das Gerät nur über einen Direktvertrieb zu erhalten ist. Und dann wohl auch nur bei Kochpartys. So ein Brimborium wollte ich nicht.

M.: Apropos kochen. Da gab es doch noch diesen legendären Berlin-Ausflug. 

P.: Ach ja, der war schön. Sie müssen wissen: Ich kenne da zwei Wahlberliner, der eine aus dem süddeutschen, der andere aus dem N.er Raum. Die betreiben ein kleines, aber feines Restaurant in Berlin-Charlottenburg. Bei denen war ich in meinem letzten Urlaub zu Gast. Und was sah ich dort bei einem Blick in die Küche?! Genau das Gerät, über das ich mich informieren und das ich käuflich erwerben wollte. So konnte ich die Vorteile hautnah erfahren. Mein Wunsch, so etwas auch zu besitzen, stand fest. Nur: Wie komme ich da ran, ohne Kochpartys, ohne Vertreterbesuche, oder andere „verkaufsfördernde Maßnahmen“, die mich vom Kauf eher abhalten denn animieren konnten.

M.: Die Lösung, die sich bot, schien einfach.

P.: Stimmt. Besagte Bereitsgerätbesitzer outeten sich als mögliche Vertriebler des Gerätes, wenn auch nicht so ganz, aber irgendwie sollte das klappen. Nach ein wenig Bedenkzeit, immerhin ist das Küchengerät doch etwas hochwertiger, was sich durchaus im Preis niederschlägt, gab ich mein O.k.: Besorgt es mir. 

M.: Aber das stellte sich wohl als nicht so einfach heraus.

P.: Augenscheinlich. Nach einigen Tagen des Versuchens wurde erstmal aufgegeben. Es schien wirklich keinen Weg an den Kochpartys und den anderen Kinkerlitzchen vorbei direkt zum Gerät zu geben. Ich sehe ja ein, dass es einen Standard-Vertriebsweg für die Küchenmaschine gibt. Aber das bisschen Flexibilität, diesen mal zu verlassen, wenn ein Kunde gar nicht erst von den Vorteilen überzeugt werden, sondern es einfach nur haben will, scheint es bisher nicht zu geben. Es ist einfach nicht möglich, diesen Quirl-Schlag-und-Rührkochtopf mit eingebauter Waage und Zeitschaltuhr einfach nur zu kaufen. 

M.: Das ist unverständlich. Anscheinend hat der Hersteller kein Vertrauen in seine Betriebsanleitung, dass er seinen Vertrieblern einzuhämmern scheint, dass sie die Geräte vor Ort vorführen und am besten gleich was damit kochen müssen. 

P.: Der Witz bei der Geschichte ist ja: Auf der Webseite des Herstellers befindet sich ein permanenter – um nicht zu sagen penetranter – Warnhinweis vor Angeboten im Internet,  die dubios und kriminell sein sollen. Mit ihrer Vertriebskultur sind sie aber dabei, mich genau in diese Shops zu treiben, oder, um es seriöser zusagen: mich nach alternativen Bezugsmöglichkeiten umzusehen – die es aber nicht zu geben scheint. Die Webseite bietet einiges an Informationen, Videos und Zubehörteilen an, aber nicht das Küchengerät. 

M.: Wenn ich auf die Seite schaue, gibt es da neben iPhone-Apps, Jobangeboten und Zahlpausenwerbung auch einen Hinweis, dass man das Gerät „live erleben“ kann: „Gerne stellenw ir Ihnen … (das Gerät) zu Hause bei einem Erlebniskochen vor. Unverbindlich und kostenlos!“

P. (aufgeregt): Das ist ja der gesamte Blödsinn. Ich will nichts unverbindliches und kostenlos. Ich will diese Küchenmaschine und ich will sie auch bezahlen. Nicht mehr und nicht weniger. Ich will kein Erlebniskochen, ich will keine Kochparty, ich will keinen Vertreterbesuch. Ich will seitens des Herstellers Vertrauen in die Konstruktion des Gerätes und in die Qualität der Bedienungsanleitung sowie ein Paket, dass ich mir ggf. von der nächsten Postagentur abholen muss. Ich will Geld ausgeben ohne Zwangsbespaßung … 

An dieser Stelle bricht die Show ab. Herr P. aus N. an der D. ist von seinem Stuhl aufgesprungen und fuchtelt wild mit den Armen umher. Eine Archivgrabung brachte noch eine E-Mail an den Tag, augenscheinlich eine Antwort des Herstellers auf eine Nachfrage von Herrn P. Darin heißt es unter anderem:

Guten Tag Herr P.,

vielen Dank für Ihre Mitteilung.
Wir freuen uns über Ihr Interesse an unserem … (Gerät). Der perfekte Partner in der Küche hat in Europa bereits über 2 Millionen begeisterte Besitzer gefunden. Und täglich werden es mehr.

Erleben Sie den … (Küchenhelfer) zu Hause in Aktion. Eine erfahrene Repräsentantin zeigt Ihnen, wie Sie sich und Ihre Familie mit leckeren Speisen verwöhnen können – ganz schnell, einfach und mühelos… Hat Sie die Präsentation überzeugt, können Sie Ihren neuen Küchenpartner über unsere Repräsentantin bestellen.

Warum einfach machen, wenn es auch kompliziert geht. Aber das Verfahren läuft noch. Wie heißt es doch in einschlägigen journalistischen Magazinen immer so schön: Wir bleiben dran. Hier im Blog nenne ich es mal:

(Stand: 24.11.11, Fortsetzung folgt)

Update I (30.11.2011): Berlin ist gescheitert. Die Sache habe ich nun selber in die Hand genommen. Und ich muss sagen: Es entwickelt sich prächtig. Formular ausgefüllt, nochmal auf die Brimboriumfreiheit hingewiesen, Anruf verpasst, E-Mail erhalten und beantwortet, nächsten Anruf nicht verpasst, für Samstag einen Termin gemacht.

Update II (03.12.2011): Das Gerät steht, noch originalverpackt, seit 14:30 Uhr in meinem Flur. Manchmal geht doch alles schnell. Die Einladung zu einer Vorführung, die mir dann noch Rabatt bringt, habe ich trotzdem. Mal sehen, was passiert.

2 Gedanken zu „Scheitern mit System (2 Updates)#8220;

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