Der ESC geistert mal wieder durch die Schlagzeilen: vorgesetzte Nominierung, Shitstorm, Absetzung, Shitstorm, 120 Unterstützer, … Und keiner begreift, dass eigentlich mal wieder über das völlig falsche Thema diskutiert wird. Xavier Naidoo ist hier weder Opfer noch Verursacher, er ist nur Projektionsfläche.

Demokratisieren wir doch einfach den ESC. Die Möglichkeit, einfach alle zu fragen, die sich für das Thema interessieren, und die einen Vorschlag machen zu lassen, gibt es doch. Einfach ein Formular auf einer Webseite und jeder, der es möchte, trägt einen Namen ein. Hinterher wird ausgewertet.

Diejenigen, mit den meisten Stimmen, werden angefragt, ob sie wollen, und wenn man 5 oder 10 zusammen hat, gehen die in den nationalen Vorentscheid. Telefonvoting – und gut ist. Wo ist das Problem?

Der Zuschauer will einfach nicht mehr, dass man ihn einfach nur zwischen einem oder mehreren Übeln auswählen lässt. Er kann doch auch von Anfang an bestimmen, was läuft. Einfach mal testen.

Und ein philosophischer Gedanke dazu: Es gibt keine „Ursache – Wirkung“-Verbindungen! Es heißt immer „Ursache – Vermittlung – Wirkung“. Viel zu oft wird die Ursache nicht erkannt und die Vermittlung für die Ursache gehalten. So auch hier.

In der Philosophie – aber nicht nur dort – baut man gern Kausalitäten oder gar ganze Kausalitätsketten auf. Ursache -> Wirkung ist die Verknüpfung, die immer wieder hergestellt wird und als so allgemeingültig gilt, dass sie bis ins wirkliche Leben hinein wirkt. Wenn irgendetwas passiert, hat das diese oder jene Ursache. Punktum. Wer sich da etwas kundig machen möchte, kann es mit dem dazugehörigen Wikipedia-Artikel versuchen. Dort gibt es auch einen Absatz zur Kausalität in der Physik. Ich erinnere mich dunkel an mein Studium.

Physik und Philosophie waren in der Vergangenheit schon immer eng verbunden. VIele große Physiker waren durchaus auch anerkannte Philosophen. Nicht umsonst hat es die Physik als einzige der anderen Wissenschaften geschafft, ein eigenes Philosophiegebäude – die Metaphysik – aufzustellen. Mal ganz populistisch ausgedrückt. 😉 Gegenseitig befruchtet haben sich Philosophie und Physik ungezählte Male. So kann man sich durchaus fragen, wo das o.g. Kausalitätsprinzip erstmalig als Erkenntnis aufgetaucht ist.

Aber es ist auch nicht das einzige Denkmodell, das man aus der Physik in der Philosophie verwerten kann, es gibt da noch ein anderes, das ursprünglich aus der Elektrotechnik kommt. Hier ist es als „Rechte-Hand-Regel“ bekannt, die die Kraftwirkungsrichtung auf einen stromdurchflossenen Leiter in einem Magnetfeld beschreibt. Kennen gelernt habe ich diese Regel (es gibt sie auch als „Linke-Hand-Regel“)  als UVW-Regel, die dem philosophierenden Gedanken näher kommt. Die drei Buchstaben stehen für Ursache-Vermittlung-Wirkung. Heißt: Jede Wirkung hat neben einer Ursache auch eine vermittelnde Bedingung. Und hier liegt der Knackpunkt.

Viele der einfachen Kausalitäten sind eigentlich Zusammenhänge, die man eher mit der UVW-Regel beschreiben kann. Nur werden hier entweder Ursache und Vermittlung verwechselt bzw. eine Vermittlung irrtümlich für eine Ursache gehalten, wobei man dann die eigentliche Ursache entweder nicht kennt oder ignoriert. Daraus folgern dann Fehler im Umgang mit den Zusammenhängen. Ein einfaches Beispiel sei unser Umgang mit einer Erkältung. Husten, Schnupfen, dichte Nase, Kopfschmerzen, Fieber. Also nichts wie rein mit Hustenstiller, Fiebersenker, Kopfschmerzpille und Nasenspräy zum Abschwellen der Schleimhäute, Bingo! Uns gehts wieder gut – den Umständen entsprechend. Und eigentlich alles falsch gemacht. Was wir da behandelt haben, warten allenfalls die Symptome der Erkältung, nicht aber deren Ursache. Diese Ursache bekämpft der Körper übrigens ganz gut allein, wenn man ihn ließe. Mit einer Temperaturerhöhung versucht er, die Viren abzutöten, mit Husten und Niesen versucht er, die verseuchten Schleimhäute los zu werden. Dafür braucht er Flüssigkeit, die er sich holt, wo er sie kriegen kann, und schon kriegen wir Kopfschmerzen, wie bei einem Kater, auch ein Flüssigkeitsmangel. Mal salopp ausgedrückt.

So muss doch bei der Bewertung jedes Ereignisses ein wenig Hirnschmalz eingesetzt werden, um die wahren Ursachen zu erkennen und nicht die Vermittlungen für die falschen Ursachen zu halten. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Immer versuchen, hinter die (vermeintlichen) Ursachen zu schauen, ob man nicht doch noch die echten findet. Die Anwendung auf aktuelle Ereignisse überlasse ich mal Euch.

… oder: Warum Ursache und Wirkung nicht immer zusammenpassen.

Dass jede Wirkung eine Ursache hat, ist ein altes philosophisches Gesetz. „Nichts geschieht ohne Grund“ ist der passende Aphorismus dazu. Auch umgekehrt gilt der Satz: Jede Ursache hat auch eine Wirkung. Ob die aber immer das ist, was man denkt, steht auf einem völlig anderen Papier. Aber der denkende Mensch versucht, Ursache-Wirkung (UW)-Verbindungen zu erstellen und zu verallgemeinern. Gerade auf Gebieten, wo er sich noch nicht so gut auskennt, scheitert er dabei zuweilen.

Nehmen wir ein kleines Gedankenexperiment vor: Auf einem Tisch stehen mehrere Glasschalen mit brennbaren Flüssigkeiten: Normalbenzin, Superbenzin, Feuerzeugbenzin, Diesel, Brennspiritus, Nagellackentferner. Wir nähern und vorsichtig (KINDER, BITTE NICHT NACHMACHEN!) mit einem brennenden Streichholz dieser Flüssigkeiten.

  • Brennspiritus: fängt Feuer
  • Nagellackentferner: fängt Feuer
  • Feuerzeugbenzin: fängt Feuer
  • Normalbenzin: fängt Feuer
  • Superbenzin: fängt Feuer
  • Diesel: fängt kein Feuer

Was lernen wir daraus? Brennendes Streichholz und brennende Flüssigkeit sind keine UW-Verbindung. Es muss da noch einen Aspekt geben.

Die Physik und die Philosophie haben sich schon immer gern gegenseitig befruchtet. Viele große Physiker waren auch gleichzeitig große Philosophen. Nach diesem Vorbild werfen wir einen Blick bei der Suche nach einem geeigneten Denk-Instrumentarium in die Elektrodynamik. Bei der Lorentz-Kraft gibt es eine Rechte-Hand-Regel. Ohne auf Details eingehen zu wollen, finden wir hier eine Erweiterung auf die UVW-Verbindung: Ursache – Vermittlung – Wirkung. Es gibt also zwei unterschiedliche Voraussetzungen, die zu einer Wirkung führen.

Im alltäglichen Leben wird in vielen Fällen die Ursache für bestimmte Wirkungen gar nicht erkannt und die Vermittlung als Ursache genommen. Dass das dann fehlerhafte Schlüsse über Wirkmechanismen liefert, liegt auf der Hand. Auch erklärt sich damit, dass die gleiche Ursache unterschiedliche Wirkungen hervorrufen kann, je nachdem, welche Umstände das Ereignis begleiten. In unserem Fall mit den Flüssigkeiten ist der brennende Streichholz also nur die Vermittlung. Die brennbaren Dämpfe darüber gibt es eben nicht beim Diesel, sondern nur bei den anderen Stoffen.

Beispiel ließen sich jetzt massiv anführen. Zum Beispiel: Stress verursacht Magengeschwüre. Oder: Kälte bewirkt Erkältungen. Beide Aussagen sind so eindeutig falsch. Bei beiden wird übrigens aus der Vermittlerfunktion von Stress bzw. Kälte fehlerhaft die Ursache. Die eigentlich richtige liegt in beiden Fällen (zufällig) bei Mikroben, ohne die es weder die Magengeschwüre (Heliobacter-Bakterien) noch die Erkältung (Erkältungsviren). Deren Wirken wird nur durch die Vermittler befördert, liegen beide nicht vor, kommt es auch nicht zu den Wirkungen.

So heißt es bei jedem Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung immer genau zu prüfen, ob man diesen überhaupt genau erkannt hat.