Manchmal guckt man ja nicht ungestraft Fernsehen. Aber manchmal fragt man sich, was dieses Fernsehen eigentlich so wichtig macht.  Sicher, es ist auch ein Unterhaltungsmedium. Aber auch und gerade die öffentlich-rechtlichen Medien sind auch ein Informationsmedium, da darf man sich fragen, welchen Ansprüchen sie sich selber genügen.

Über die Verkündung von Glücksspielergebnissen in Nachrichtensendungen habe ich mich schon vor einiger Zeit mal aufgeregt. Aber wenn die zweitwichtigste Nachrichtensendung des deutschen Fernsehens (vielleicht ist sie auch nur die drittwichtigste) an zweiter Stelle mit der Schlagzeile aufmacht, dass der neue Trainer vom FC Bayern erstaunlich gut deutsch spricht, darf mal wieder an der Einschätzung der Journalie gezweifelt werden, was wirklich wichtig ist.

Die Sendung ist 20 Minuten (ohne Wetter) lang, da mag Platz sein für viele Fakten, aber genaue Analysen und Einordnungen werden durch solche Nichtigkeiten, die in Boulevardmagazinen entschieden besser aufgehoben sind (wie übrigens die gesamten Sportnachrichten) aus der Sendung gedrängt. Es bleibt abzuwarten, wann solche Boulevard-Themen regelmäßig Aufmacher von Nachrichtensendungen werden.

P.S.: Die Sendung boulevardisierte weiter: Berlusconis Gerichtsverfahren (nur, weil ein „Politiker“ im Mittelpunkt eines Verfahrens steht, ist es noch keine politische Nachricht) und Seiltänzer über dem Gran Canyon (nebenbei massive Discovery Channel Schleichwerbung).

Manche Sachen sind einfach historisch verwachsen. Aber dann sollte man auch mal dran drehen, wenn es einem auffällt. Höre ich die werbenden Hinweise im Radio über Lotto-Jackpots, dann schließen die mit dem Satz: „Glücksspiel kann süchtig machen. Hilfe und Informationen unter bzga.de„.

Bleibt die Frage, warum die Nachrichtensendungen im Fernsehen, namentlich Tagesthemen und heute-journal, mit schöner Regelmäßigkeit mittwochs und samstags diese Droge ohne jede Warnhinweis weiter verticken, immerhin die in ihrem Selbstverständnis seriösesten Sendungen überhaupt.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – die BZgA – schweigt sich auch aus. Sicher: Lotto tut auch etwas für die Gesellschaft, definierte Teile der Einnahmen werden für verschiedene Projekte verwendet. Aber ist es nicht eigentümlich, dass potenzielle Suchtauslöser für gute oder gut gemeinte Zwecke genutzt werden: Lotto für Umwelt- oder Sportförderung, Tabak für Terrorismusbekämpfung usw.

Der Zweck heiligt nicht alle Mittel. Ich habe ja nichts dagegen, dass das so gemacht wird. Aber in Nachrichtensendungen hat das nichts zu suchen. Wobei es die Redaktion des heute-journals noch gut platziert: meist bei der  Börsenberichterstattung – auch so ein Glücksspiel.

Ein ganz wichtiger Gedanke gleich an den Anfang: Die nachfolgende Aufzählung ist auf keinen Fall vollständig. Sie ist auch streng subjektiv. Aber sie soll mal eine Anregung zum Weitergucken sein.

75 (in Worten: fünfundsiebzig) Fernsehsender bringt mir mein Hausaltar ins Wohnzimmer, die ich mir ansehen kann, die an mich gerichtet sind. Nicht alle Sender bringen rund um die Uhr Programm, so dass wir nur mit ca. 1500 Stunden pro Tag rechnen müssen. Bei der Masse gibt es dann doch schon mal die eine oder andere Minute, die überdenkenswert oder gar überflüssig ist. Eine Auswahl:

  • Börsenberichterstattung
    Wieviele Deutsche besitzen Aktien? Weniger als 4%, so heißt es. Da gibt es ausreichend andere, ähnlich umfangreiche Randgruppen, die in den Medien nicht so präsent sind.
  • Lottozahlen in den Hauptnachrichtensendungen
    Hallo? Jede Lottowerbung muss mit dem Hinweis auf das Suchtpotenzial versehen werden, warum kommt wird das nicht bei der Werbung für Lotto in den Nachrichtensendungen gemacht? Der gute Zweck, der mit den Erlösen unterstützt wird, heiligt nicht alle Mittel.
  • Wetterbericht bei EinsExtra aktuell kurz vor der vollen Stunde
    Was soll das? Mehrere dynamische Wetterkarten gleichzeitig, die unerläutert in der Gegend rum stehen. Ich hoffe mal, dass ich nicht der einzige bin, der da überfordert ist, dem zu folgen.
  • Scripted Reality Shows, die sich den Anschein geben, echt zu sein
    Eigentlich müsste während der ganzen Sendung der Hinweis, dass alles gescripted ist, also erstunken und erlogen, vornehm: ausgedacht, als Logoergänzung eingeblendet werden, ähnlich wie bei Live-Sendungen. „Verdachtsfälle“, „Betrugsfälle“, „Mitten im Leben“, „Familien im Brennpunkt“, „Die Schulermittler“, „Unter uns“, „Alles was zählt“, …
  • Betroffenheitstriefende Moderatorengesichter in Boulevardmagazinen, wenn es in einem Beitrag „gemenschelt“ hat
    Das kommt immer so falsch und gespielt rüber, schrecklich. Es wäre schön, wenn man öffentlich-rechtliche Sender von dieser Kritik ausnehmen könnte, aber leider geht das nicht. „Brisant“ scheint da ein Vorreiter zu sein, das wundert aber nicht, weiß man, welche Anstalt für die Sendung verantwortlich ist.
  • manche Teleshopping-Sendung
    Die Betonung liegt auf „manche“, vor allem, wenn solche Sätze vorkommen wie: „Sie bekommen gratis dazu diese Deckelhalterung, wir berechnen ihnen dafür lediglich eine kleine Bearbeitungsgebühr von 9,95€  …“ Die Teleshopping-Sender schließe ich mal pauschal von diesem Vorwurf aus, handelt es sich dabei doch rein rechtlich um kein Fernsehen sondern um Mediendienste. Allerdings habe ich sie bei den 75 Fernsehsendern oben mitgezählt. 😉 Sie haben nicht nur rein wirtschaftliche Interessen, sondern auch eine wichtige psychologische Funktion, sind das doch die einzigen Programme, die weitläufig direkt mit den Zuschauern kommunizieren.
  • Jugendsendungen von Erwachsenen
    Neulich las ich mal folgende Sendungsbeschreibung: „DASDING.tv ist die lässigste Sendung im SWR Fernsehen. Versprochen. Außer Du stehst auf Eisenbahnromantik.“ Ein echter Schenkelklopfer, zumal, wenn man beide Sendungen kennt. Müsste es da nicht auch „… lässlichste Sendung …“ heißen? Manchmal fühle ich mich beim Anblick solcher Sendungen an einige Mittdreißiger erinnert, die immer noch krampfhaft versuchen, wie Mittzwanziger zu wirken. Die dazu gehörige Floskel lautet: „auf jung gequälte Tabakruine“.
  • „Sender XY aktuell Eins30“ oder „Nachrichtenflaggschiff in 90 Sekunden“ Kompaktnachrichten
    Natürlich weiß ich, dass diese Sendungen nicht primär für die Ausstrahlung im Fernsehen produziert werden, sondern als Fastfood für die Generation Internet. Vermutlich lässt aber irgendein (Staats-)Vertrag die reine Internetausstrahlung nicht zu. Sie sind gekennzeichnet durch übergroße Schrifteinblendungen, Standbilder und einer Moderationsoptik, die Nasenhaare und „das weiße im Auge des Moderators“ erkennen lässt. Eben die Anforderungen für die niedrigen Auflösungen im Internet. Dazu eine Handvoll Fakten, die einem um die Ohren gehauen werden, ohne Einordnung, ohne Hintergrund, ohne Sinn, wenn man nicht sowieso halbwegs auf dem laufenden ist. Internetclips im Fernsehen – das vergleichbar mit der ähnlich sinnvollen Ausstrahlung einer Fernsehsendung im Radio. Gibt’s auch.