Anonym, pseudonym, androgyn, nichlangzyn

Facebook und die Klarnamenpflicht. Ein kontroverses Streitthema. Dieser Tage hat sich das soziale Netzwerk gegen die Datenschützer durchgesetzt und besteht auf der Klarnamenpflicht. Datenschützer wünschen sich die Möglichkeit, dass sich Nutzer auch unter Pseudonym anmelden können.

Ganz ehrlich: Ich verstehe beide Seiten und sehe bei dem Problem eher einen gordischen Knoten als die Idee, dass eine Seite das richtige fordert. Das macht mich nun auch nicht fertig, aber man kann sich doch schon mal Gedanken darüber machen.

Unter dem Aspekt, was Facebook mit den ganzen gesammelten Daten anstellt,  scheinen Pseudonyme unter Umständen sinnvoll. Vielleicht sollte ich mir die Argumente der Datenschützer mal reinziehen, denn der eben formulierte Ansatz kann eigentlich kein Grund für ihre Bestrebungen sein. Selbst bei unter Pseudonym angemeldeten Nutzern weiß FB früher oder später, wer sich dahinter verbirgt.

Die Klarnamenpflicht finde ich aber auch sinnvoll, wenn sie wirklich durchgesetzt wird und für alle gilt. Der § 5(2) GG. sagt in Ergänzung zum Absatz 1 u.a. aus, dass jeder für seine frei geäußerte Meinung auch einstehen sollte. Gerade in Fällen, die eben keine Meinungsäußerung sind, sondern zivilrechtlich interessant werden, gilt es, dafür dann auch zu haften.

Was braucht man, um im Internet eindeutig identifiziert zu werden?

Kekse?

Das war jetzt ein Angebot. Und ein Versuch einer Antwort. Natürlich meine ich Cookies, aber braucht man die wirklich noch? Die Handhabung ist einfach, aber genauso einfach sind sie durch den User löschbar. Bei Flash-Cookies ist das schon schwerer, aber mittlerweile kann man die auch löschen. Aber wie identifizieren die großen Datensammler einen doch halbwegs sicher und eindeutig? IP-Adresse? Nee, die wechselt doch meist alle 24 Stunden. Wie dann?

Jeder Rechner hat einen Fingerabdruck, den er im Internet hinterlässt. Und der ist doch individueller, als man manchmal denkt. Aber reichen die verfügbaren Kennzahlen überhaupt aus, um weltweit alle Rechner unterscheiden zu können. Zumindest theoretisch?

Der Versuch einer Abschätzung.

Piwik ist ein freies Statistik-Tool, mit dem man Zugriffszahlen auf Webseiten messen kann. Es zeigt aber auch noch ein paar andere Statistiken an. Schaun wir doch mal, was so ein Rechner einfach so ins Internet posaunt:

  • IP-Adresse
  • verwendeter Browser
  • verwendete Plugins
  • Betriebssystem
  • Auflösung des Monitors
  • Browsersprache
  • Gerätemarke

Die IP-Adresse selbst bringt erstmal nicht viel. Aber darüber kann man mittlerweile regionalisiert werden. Stellt sich die Frage, wieviele „Regionen“ es weltweit gibt? These: 5000
Browser werden mir 21 angezeigt, Geräte 30, Betriebssysteme 40, Geräte-Modelle 193, Plugins 10, Auflösungsvarianten 227, 343 Konfigurationsvarianten (BS/Browser/Auflösung). Bei den 10 Plugins gibt es für jedes die Variante, ob es da ist oder nicht; also gibt es hier allein 1024 Möglichkeiten.

Rechnen wir alles zusammen: 5000 Regionen mal 193 Modellen mal 1024 Plugin-Varianten mal 227 Auflösungen mal 40 Betriebssysteme ergibt theoretisch 8972492800000. Jetzt gibt es nicht jedes Modell in jeder Auflösung und nicht in jeder Region, aber diese Zahl ist das mehr als tausendfache der Weltbevölkerung. Es reicht also, um allein durch sein Surfgerät identifiziert zu werden. Und wenn man sich dann einmal mit diesem Gerät bei einem der Datensammler einloggt, gibt es die Verbindung zwischen dem persönlichen und dem hardwareprofil und man ist auch mit Namen, Adresse u.a. identifiziert.

Falsche „Freunde“

Manchmal bin ich doch recht verwundert darüber, was der eine oder andere „Freund“ so alles bei Facebook reinschreibt. Als ob es kein morgen gäbe. Und die Zeiten der „No Future“-Bewegung ist doch seit den 1980er Jahren vorbei. Vielleicht sollte mal jemand ein browserübergreifendes PlugIn für dieses (und andere) Soziale Netzwerk schreiben, dass den „Senden“- oder „Antworten“-Button mit der Anzeige ergänzt, dass diese Daten den Rest des Lebens im Netz stehen werden. Löschen unmöglich.

In einem leicht boulevardesken Artikel über das Thema Maximilian Schrems, einem Wiener Studenten, der die über ihn gespeicherten Daten von Facebook anforderte, sind einige hochinteressanten Gedanken vereinigt, leider scheint der Artikel online nicht verfügbar. Vom gleichen Autor gibt es aber einen anderen, ebenfalls sehr interessanten Artikel im Netz, der durchaus mal der Lektüre wert ist.Ein paar Links sind auch in dem Artikel, zum Beispiel, wie man seine Daten von Facebook erhalten kann. Dort ist man aber wohl zur Zeit ob der Nachfrage etwas überlastet …

„Ich habe nichts zu verbergen“, mag der eine oder andere denken, der sich über die Speicherwut sozialer Netzwerke nicht aufregen möchte. Das mag sein, aber nicht umsonst heißt es bei Verhaftungen in (amerikanischen) Filmen immer so schön: „Sie haben das Recht zu schweigen. Alles was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden.“ Das gilt nicht nur vor Gericht, sondern auch für Daten im wahren Leben (kurz RL = Reallife), sie können alle auch gegen einen verwendet werden. Ich möchte nicht wissen, wieviele Leute sich durch unbedachte und längst vergessene Äußerungen/Abbildungen im Internet ihre Zukunft schon verbaut haben.

Was man gelegentlich mal machen sollte: sich bei den sozialen Netzwerken durch die Privatsphären-Einstellungen durchklicken und genau überlegen, ob dort jeder Haken und jede Option so gesetzt sind, wie man sich das vorstellt. Das sollte man regelmäßig machen, vor allem dann, wenn die Netzwerke Neuheiten ankündigen oder eingeführt haben. Damit ändern sich manchmal nicht nur die AGB, sondern auch die Privatsphäreneinstellungen von ganz allein …

Der Link: Eigene Daten anfordern