Wenn (eigentlich) selbstverständliches gefeiert wird

Ein Radioprogramm zu gestalten und damit eine möglichst breite Hörermasse anzusprechen, ist eine Wissenschaft für sich. Wobei der Begriff „Wissenschaft“ in dem Zusammenhang eher etwas unpassend ist. Der Hörer als Gesamtheit ist doch sehr komplex, so dass sich eine echte statistische Auswertung seiner Wünsche gar nicht so einfach ist. Eigentlich unmöglich. Außerdem sind sie einem sehr dynamischen Wandlungsprozess unterworfen. Sollte man wirklich mal zu einem Zeitpunkt X ganz genau wissen, was gehört werden möchte, ist das einige Zeit später schon wieder völlig falsch.

Sogenannte Berater ziehen von Radiostation zu Radiostation, um diese – so hat es den Anschein – durchzuformatieren und oftmals zu einer ununterscheidbaren Masse werden zu lassen. Welche Philosophie dahinter steckt, und ob diese wirklich die einzig wahre ist, darf bezweifelt werden. Immerhin kennt der berühmte Volksmund das Weistum: „allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann“. Es gibt wohl auch noch eine Erweiterung: „Wer es versucht, wird es sich mit allen verscherzen.“

Vor diesem Dilemma stehen Musikredaktionen von Radiosendern, die eine möglichst große Hörerzahl erreichen wollen, immer. Neben diversen Zwischenformen gibt es dafür eigentlich zwei wesentliche Strategien: zum einen die allen Hörerwünschen entsprechende Vielfalt oder zum anderen ein „kleinster gemeinsamer Nenner“. Beide Wege haben ihre Nachteile. Treibt man es mit der Vielfalt zu bunt, könnte die Zahl der Hörer, die man mit bestimmten Musiken vertreibt, größer sein als der Zugewinn durch die Erfüllung der Hörerwünsche. Andererseits ist der kleinste gemeinsame Nenner die Musik, die keinen stört, und die keinen Hörer vertreibt, aber eben auch nicht wirklich zu Begeisterungsstürmen hinreißt, wenn man sie hört.

Am Orte meines hauptsächlichen Aufenthaltes buhlen 5 Radiostationen um möglichst breite Hörerbindung. Und alle scheinen – im Rahmen ihrer doch etwas unterschiedlichen Zielgruppendefinierung – sich eher des Konzeptes des „kleinsten gemeinsamen Nenners“ (zumindest in den Haupthörzeiten) zu bedienen. Entsprechend hat vor allem eines der Programme ein wenig mit enttäuschten Hörern zu kämpfen, die bestimmte Musikfarben arg vermissen. Wenn man sich deren in einer Bürgerinitiative vereinigten Meinung anhört, kommt man zu dem Schluss, dass diese zwar laute, aber doch kleine Minderheit (2000 zu 500’000) eine programmliche eierlegende Wollmilchsau verlangen. Natürlich ist es schön zu fordern, dass sich in einem regionalen Radioprogramm auch regionale Künstler wiederspiegeln, ich fürchte aber, dass da eher an Willi Freibier, De Plattfööt oder Jo&Josephine gedacht wird. Dass mit der gleichen Intention auch Feine Sahne Fischfilet, SmallC oder die Hardrock-Band „Lebenslaenglich“ zur besten Frühstücks- oder Kaffeezeit über den Sender gehen würden, dürfte nicht wirklich auf viel Gegenliebe stoßen.

Leider ist das Hörerverhalten nur sehr schwer messbar. Alle halbe Jahre wird per Telefonumfrage nach den Lieblingssendern gefragt – mal salopp ausgedrückt. Da sind die Kollegen vom Fernsehen besser dran. Sie bekommen eine minutengenaue Abrechnung der Zuschauerzahlen. Insofern ist schwer überprüfbar, wann der Hörer wirklich abschaltet oder sich einen anderen Sender sucht; ob es wirklich an der Musikauswahl liegt oder manchmal doch eher an den wortreichen Moderationen. Aber ein halb- oder einjähriger Testlauf mit einer anderen oder zumindest weiter gefassten Musikfarbe auf die Gefahr hin, auch noch den letzten gutwilligen Hörer zu vertreiben, will ja auch keiner machen. Aber es gibt ja zumindest kleine Lichtblicke.

Einer der hiesigen Radiosender bietet eine regelmäßige Musikwunschstunde an. Sie liegt etwas außerhalb (oder randnah) der weiten Primetime, aber immerhin gibt es sie. Was mich immer ein wenig wundert, wenn ich sie höre, dass da meist auch genau die Musik gespielt wird, die auch schon tagsüber im Programm zu hören war. Hat sich nun der Sender seine Hörer schon so erzogen, dass sie sich genau diese Musik auch wünschen oder werden allzu extrem abweichende Musikwünsche von vornherein aussortiert? Eigentlich nachvollziehbar.

Einen ganz anderen Weg geht das Programm „Bayern 3“. Richtig groß zu einem fast echten Event aufgeblasen darf sich am 24.02. der Hörer alles wünschen. Alles. ALLES! Wie es in einer Pressemitteilung und der damit ausgelösten medialen Ventilation so schön heißt: „Vom „Pokémon“-Titelsong bis Marianne Rosenberg, von „Last Christmas“ bis Tomte. Ohne Rücksicht auf Verluste! Egal ob Rihanna oder der Radetzky-Marsch, Justin Bieber oder die Flippers, Robin Schulz oder Chopin, Pink oder Polka: an diesem Tag ist bei BAYERN 3 wirklich alles möglich.“ Interessante Idee, wenn der Hörer die Musikredaktion übernimmt, zumindest den Teil der Grundauswahl. Solange sowas wirklich „nur“ Eventcharakter hat, vertreibt man sicher auch nicht gar zu viele Hörer. Das hat diese Idee mit einigen Musikgenres gemeinsamt. Als Event erträglich, als ständiger Begleiter unmöglich.

Aber es ist schon erstaunlich, welch Hype um eine solche Aktion gemacht wird, wenn man bedenkt, dass die Sender eigentlich immer das spielen sollten, was sich die Hörer wünschen. Wobei, einen kleinen Unterschied zwischen den Situationen gibt es schon: Beim Event werden Wünsche einzelner berücksichtigt, im Tagesgeschäft soll die breite Masse abgebildet werden. In jedem Titel, immer.

Kontraproduktive Playlisten

Welchen Grad die Zusammenarbeit von Musikindustrie und beispielsweise Radiosendern hat, wage ich mal nicht einzuschätzen. Im Idealfall sollte es ein gegenseitiges Geben und Nehmen sein. Die Industrie will Stücke verkaufen, die Sender spielen es, um es bekannt zu machen, der Kunde kauft. Und der Sender muss sich die Stücke nicht mal kaufen, sondern bekommt sie von der Industrie kostenfrei geliefert – „bemustert“ heißt das wohl.

So weit, so gut. Aber, liebe Musikindustrie, ihr sollte mal ein wenig drauf achten, was die Radiosender dann mit diesen Titeln machen und ggf. eure Vorgaben dazu anpassen. Ihr vertretet die Urheber, habt die Rechte von ihm bekommen und verhökert sie weiter. Ihr seid es, die die Regeln vorgeben können. Und das solltet ihr dringend tun, sonst werden Eure Geschäfte immer weiter einbrechen.

Privat höre ich pro Werktag ca. zwei Stunden Radio, meist eine von diesen Pop- und Servicewellen. Ich mag die Musik der 80er und bei der aktuellen sind auch ein paar schöne Stücke dabei. Bei neuen höre ich auch gern mal genauer hin. Auf Anhieb gefällt mir meist kaum eins. Aber schon beim zweiten oder dritten Mal hören kann sich das ändern und ich überlege mir, ob ich den Titel käuflich erwerbe. Ziel fast erreicht, würde ich sagen, liebe Musikindustrie.

Als Mecklenburger ist man ja manchmal etwas langsam und meist werde ich unterwegs daran erinnert, einen bestimmten Titel zu kaufen, weil ich ihn dort höre. Aber dann wird es aufgeschoben auf den nächsten WLAN-Empfang oder den Abend oder so. Ok, bis dahin habe ich es dann doch wieder vergessen oder etwas kam dazwischen. Irgendwas ist ja immer. Aber das Radio erinnert ja zuverlässig. Immer wieder. Und wieder. Und nochmal. Und wieder. Bis ich denn Titel binnen ein oder zwei Wochen so oft gehört habe, dass er mir auf den Geist geht und ich in wieder von meiner Kaufliste nehme.

Tja, ich würde sagen: „Wie beim Autorennen: Kurz vor dem Ziel mit dem Wagen überschlagen, weil hinten zu viel geschoben wurde. Totalschaden.“ Der Umsatz ging flöten. Hätte ich den Titel weniger oft im Radio gehört, hätte ich ihn sicher gekauft. Aber so! Wozu? Nehmt mal ein bißchen Einfluss auf die Musikredaktionen, aktuelle, verkaufsträchtige Titel nicht zu oft zu spielen. Warum sollte man sie kaufen, wenn sie andauernd im Radio gespielt werden?

Komische Promotion

Früher … Tja, Sätze, die so anfangen, klingen immer wie von vorm Krieg. Früher war alles besser. 😉 Zum Teil scheint es aber auch zu stimmen, bei dem Blödsinn, den manche heute so ausscheiden. Aber mit der geeigneten Betriebsblindheit passieren eben immer mal wieder Sachen, die für außen Stehende eher amüsant anmuten. Kommt dann noch Stress dazu, wird auch nicht mehr kontrolliert und drüber nachgedacht.

Musik-Promotions-Firmen sind dafür da, die von den Plattenpressern produzierten Scheiben unters Volk zu bringen. Dazu werden geeignete Medien entsprechend unterstützt. Die entsprechenden E-Mails sind manchmal von bestechendem Inhalt. So las ich heute nachmittag:

Mit „Ja“ wird im Herbst der wohl intensivste und emotionalste Song des im März 2012 erschienenen Silbermond-Albums „Himmel auf“ veröffentlicht.

Oh technische Wunderwelt! Da kauft man also im Frühjahr ein Album, kann sich aber ohrenscheinlich nicht alles darauf anhören, da einzelne Titel erst im Herbst veröffentlich werden. Wie wird sowas eigentlich ermöglicht? Geht das nur auf speziellen CD-Playern oder ist das System umfassend kompatibel? Muss ich meinen CD-Player dazu ans Internet anschließen, und wenn ja, wie? Fragen über Fragen.

Oder wird da versucht, das gleiche Musikstück mehrfach zu verkaufen?

Heyjoman

Überschriften – ihre Bedeutung und ihre Herkunft. Es soll ja Zeitungshäuser geben, in denen es spezielle Redaktionen nur für die Schlagzeilen gibt. Wann ich so weit sein werde, mir so etwas leisten zu können, sei dahin gestellt. Da die Überschrift aber meist vor der Niederschrift des Artikels fest steht, bleibt beim Schreiben keine Zeit, darüber nachzudenken, und deswegen entfernen sich manche Schlagzeilen auch etwas von den Beiträgen (oder umgekehrt). Im konkreten Fall badete ich mal wieder im Klischee und ließ alle Satzzeichen weg, so dass das da oben aus „Hey, Yo Man!“ entstand.

Das klingt so ein bisschen nach HipHop oder Rap, was durchaus nicht ohne Absicht geschah. Rap City NB – ein landesweit ausgetragener Wettbewerb musikalisch-rhythmisch gebundener Reimkunst – fand am gestrigen Sonnabend im Neubrandenburger „Zebra“ sein Finale und ich war dabei. Das wird 95% aller Leute, die mich und meinen Musikgeschmack kennen, sicher verwundern, aber es gibt Sachen, die passieren eben einfach: ein Abend in ungewohnter Umgebung, mit ungewohnter Musik, aber durchaus spannenend, amüsant und überraschend.

Zur Veranstaltung gibt es eine Pressemitteilung (PDF) hier und eine Webseite da. Auch Facebook war voll davon. So war das Zebra gut gefüllt, das Publikum mindestens Fans, wenn nicht sogar sachkundig. Das zeigte sich bei den Auftritten der Wettbewerbsteilnehmer und später auch noch beim Open Mic (s.u.). Meine „Sachkunde“, bewusst in Anführungszeichen geschrieben, beschränkte sich auf ein paar (i. w. S.) technische Eckpunkte und den Vergleich mit dem, was Ottonormalmusikhörer auf dem Gebiet mainstreamhaftes schon alles gehört hatte.

Es ist doch sehr erfreulich, was es da alles zu hören gab. Auf der Bühne zeigte sich bei den Teilnehmern eine Qualität, die ich ehrlich gesagt nicht erwartet hätte. Obwohl man schon spürte, wie sich die Fan-Gruppen im Publikum verteilten, sprang der Funke über und riss selbst den waldorf-stadlerschen Betrachter ein wenig mit. Das Highlight, völlig unerwartet, bildete für mich aber der Programmpunkt Open Mic. Zwischen Wettbewerbsvorführung und Siegerehrung gelegen, sollte dem Gast die Möglichkeit geboten werden, sich auch mal zu versuchen. Die Veranstalter waren nicht ganz angstfrei, was die erwartete Zahl der Teilnehmer betraf. „Zur Not spielt der DJ eben einfach nur Musik, wenn sich keiner traut.“

Was dann aber auf der Bühne passierte, hatte was. Es gab anfangs ein paar Leute, die sich doch trauten, aber es kamen derer immer mehr, auch ein paar Wettbewerbsteilnehmer mischten sich mit darunter, und es passierte, was auch schon alten und neuen Rockern, Jazzern oder anderen Musikern passierte: Es wurde eine Session. Die Mikros gingen von Hand zu Hand, jeder gab sein bestes; musikalisch-sprachrhythmisch und auch von der gesamten Stimmung, auch im Wechselspiel mit dem Publikum, war es wirklich spitze. Wortgewaltig wurde nach allen Regeln der Kunst im besten Wortsinn gebattlet. Die klischeeunterstellte Homophobie des HipHop war überhaupt nicht zu spüren, eher im Gegenteil. Nur zu genau hinhören durfte man nicht.

Inhaltlich-sachlich bewegten sich die Texte auf dem Niveau von – ohne sie beleidigen zu wollen – 11-jährigen Jungs.

Und täglich grüßen Robbie und Gary

Musik ist schön. Deswegen wird sie auch so gern von Radiosendern gespielt. Bei aktuellen Top10-Titeln erübrigt sich dann meist auch der Kauf des Titels, egal, ob von CD oder als MP3, da sie so oft gespielt werden.

Aktuelles, ohrenfälliges Beispiel sind die Herren Barlow und Williams mit dem gefälligen Song „Shame“. Als regelmäßigem und täglichem Radiohörer wird er mir murmeltierisch täglich um die Ohren gehauen, so dass das gefällige Wohlgefühl mittlerweile schwindet.

Das Schlimme: In meiner Radiosendung habe ich ihn auch schon gespielt, auch, wenn das schon am 29.08.2010 war. Den allgemeinen Musikauswahlregeln von „RundumGenuss“ zufolge wird er damit frühestens in einem Jahr wieder zu hören sein, außer natürlich, er wird von Hörerinnen oder Hörern gewünscht.

Stellt sich also die Frage, warum die Radiostationen das Ding jetzt wieder abdudeln, bis es keiner mehr mag und es demzufolge nicht mehr verkauft wird. Ein paar auserlesene Einsätze in der Haupthörzeit wirken da doch sinnvoller. Aber vermutlich kann die Musikindustrie nicht genug Mainstream produzieren, um die frei werdenden Plätze in den Plaxlisten adäquat zu besetzen.

Ist die Sangespause besser oder die Zeit danach?

Wie dem Internet zu entnehmen ist hat die Sängerin von Tokio Hotel Bill Kaulitz eine Zyste an den Stimmbändern und kann nicht singen. Haben sie also endlich den Grund gefunden. 😉

In Kürze wird er aber deswegen am Kehlkopf operiert, muss anschließend in die Reha und kann in der Zeit natürlich nicht auf Tournee gehen, die abgesagt wurde. In einigen Wochen wird sich dann zeigen müssen, ob die Zeit Bill’s Reha oder die Zeit danach besser für den Musikhörer ist.

P.S.: Sorry an alle Fans, aber bei der Steilvorlage musste ich das einfach schreiben.